Offener Brief an den Bürgermeister und die Stadträte der Stadt Aken (Elbe)

22.​11.​2025
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Sehr geehrter Herr Bürgermeister, Jan Hendrik Bahn,

sehr geehrte Stadträte,

 

wir, die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Aken (Elbe) wenden uns heute mit diesem offenen Brief an Sie, um auf die Herausforderungen und Bedürfnisse unserer Arbeit aufmerksam zu machen. Wir sind stolz darauf, seit nunmehr über 150 Jahren ehrenamtlich unserer Gemeinschaft zu dienen und den Leitspruch “Gott zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr” Tag für Tag zu leben. Für uns ist Feuerwehr kein Hobby, sondern eine Berufung.

 

Egal in welcher Lebenssituation, wenn der Alarm ertönt, dann lassen wir alles stehen und liegen, lassen unsere Kinder, Ehepartner und Freunde zurück. Wir begeben uns dann unverzüglich zum Gerätehaus, um Schaden von unseren Mitbürgern abzuwenden.

 

Helfen in Not ist unser Gebot - doch wer hilft uns, wenn wir in einer Notsituation sind?

 

In § 2 des Brandschutz- und Hilfeleistungsgesetzes des Landes Sachsen-Anhalt ist geregelt, dass die Stadt Aken (Elbe) die Pflichtaufgabe hat, den örtlichen Brandschutz und die Hilfeleistung sicherzustellen. Dafür hat sie eine Feuerwehr vorzuhalten, mit moderner Fahrzeug- und Gerätetechnik auszurüsten und für die Ausbildung der Einsatzkräfte zu sorgen. Nur so kann die Feuerwehr im Einsatzfall schnell und effektiv helfen.

 

Die Freiwillige Feuerwehr Aken (Elbe) gehört bisher zu den personal- und leistungsstärksten Wehren in unserer Region. Dies ist das Ergebnis einer vorausschauenden Kinder- und Jugendarbeit, mit der wir schon heute für unsere Einsatzkräfte von Morgen sorgen. Eine Lehre aus den Erfahrungen der Elbehochwasser 2002 und 2013 war die Bildung der Abteilung Wasserwehr. Seit 2017 vervollständigt die AED-Gruppe (qualifizierte Ersthelfer) unser Leistungsspektrum. Um in medizinischen Notlagen schnell erste Hilfe leisten zu können, engagieren sich in der AED-Gruppe Kameraden, die im täglichen Berufsleben als Rettungssanitäter, Krankenschwester oder Pflegekraft tätig sind. Mehrere Akener Bürger verdanken dem aufopferungsvollen Einsatz, der anfangs oft belächelten AED-Gruppe, ihr Leben.

 

Für unser ehrenamtliches Engagement erwarten wir keine finanzielle Entschädigung. Was wir aber erwarten, ist nicht mehr und nicht weniger als die uneingeschränkte Unterstützung unseres Dienstherrn und des Stadtrates.

 

Aktuell ist jedoch diese Unterstützung nicht mehr uneingeschränkt wahrnehmbar. In der letzten Zeit mehren sich kritische Stimmen, die fragen: “Was wollt ihr denn eigentlich noch alles? Ihr habt doch in den letzten 10 Jahren viele neue Feuerwehrfahrzeuge (Kdow, Krad, GTLF, HLF 20) erhalten und im kommenden Jahr kommt noch eine neue Drehleiter.”

 

Zweifellos verfügt die Akener Wehr mit den Neuanschaffungen über eine moderene Ausrüstung. In diesem Zusammenhang darf aber nicht vergessen werden, warum diese Beschaffungen notwendig waren. Die vorhandenen Löschfahrzeuge hatten meist schon mehr als 20 Dienstjahre auf dem Buckel. Steigende Unterhaltungskosten und fehlende Ersatzteile machten die Erneuerung des Fuhrparks alternativlos. Auch die stetige Weiterentwicklung der Technik (z.B. Elektroautos) erfordert ständiges Nachsteuern, um auch künftig effektiv helfen zu können.

 

Moderne Feuerwehrtechnik ist eine Seite der Medaille im örtlichen Brandschutz und bei der Hilfeleistung. Gut qualifizierte und hochmotivierte Feuerwehrleute sind die andere Seite.

Was hilft die beste Löschtechnik, wenn keiner mehr da ist, der sie bedient?

 

  • Was ist, wenn mangels Motivation nur noch wenige Feuerwehrkameraden zum Einsatz kommen und damit die Sicherheit unserer Bürgerschaft gefährdet ist?

  • Was passiert, wenn es keine fachkompetente Wehrleitung gibt, die frühzeitig die Herausforderungen der Zukunft erkennt, um die künftige Entwicklung unserer Feuerwehr vorausschauend zu steuern?

 

All diese Fragen bewegen uns und haben uns zu diesem Offenen Brief veranlasst.

 

Problem: fehlende Wertschätzung für unser ehrenamtliches Engagement

 

In den letzten Jahren vermissen wir zunehmend die notwendige Wertschätzung für unser ehrenamtliches Engagement durch unseren Dienstherrn und durch Teile des Stadtrates. Bei öffentlichen “Fensterreden”, zuletzt zum 150 jährigen Gründungsjubiläum, wurden wir hofiert und über den grünen Klee gelobt.

 

Aber abseits des Scheinwerferlichts bestimmen dienstrechtliche Gängelung (u.a. Redeverbot in der Öffentlichkeit) und die Nichteinbeziehung der fachlichen Expertise unserer gewählten Stadtwehrleitung bei Entscheidungsfindungen über Themen des Brandschutzes und der Hilfeleistung die Realität. Selbsternannte “Experten” und ehemalige Funktionsträger werden in wichtige Entscheidungen eingebunden. Die von uns gewählte Stadtwehrleitung bleibt oft außen vor. Dieser schmerzlichen Entwicklung haben wir viel zu lange tatenlos zugesehen. Doch jetzt ist ein Punkt erreicht, an dem wir nicht länger schweigen wollen.

 

Alle Probleme und Herausforderungen des örtlichen Brandschutzes und der Hilfeleistung sollten vor einer Entscheidung auf fachlicher Ebene mit nachvollziehbaren Lösungsansätzen zwischen der Stadtwehrleitung und der Verwaltung auf Augenhöhe diskutiert werden. Dabei erwarten wir von der Wehrleitung natürlich, dass sie unsere Interessen mit klarer Stimme vertritt und die Sicherheit unserer Bürgerschaft umfassend wahrt. Unsere Wehrleitung hat bisher eindrucksvoll bewiesen, dass sie die Herausforderungen der Zukunft des örtlichen Brandschutzes und der Hilfeleistung umfassend im Blick hat. Sie besitzt deshalb unser vollstes Vertrauen.

 

Problem: Mit defekten Kettensägen können wir nicht helfen.

 

Die Beschlussvorlage zur Funktionsfähigkeit der Kettensägen, die dem Stadtrat am 09.10.2025 vorlag, enthielt nur die einseitige “schöngefärbte” Stellungnahme der Verwaltung. Eine Stellungnahme der Wehrleitung und der Einsatzkräfte fehlte.

 

Deshalb hier nun unsere Sicht auf das Einsatzgeschehen. Am 26.06.2025 waren mehrere erfahrene Kettensägenführer im Einsatz. Einige haben täglich Umgang mit Kettensägen in ihrer beruflichen Tätigkeit. Über Stunden waren sie bemüht, die zum Zeitpunkt des Einsatzes nicht funktionstüchtigen Kettensägen wieder in Gang zu bringen, leider erfolglos. In der Stadtratssitzung wurde öffentlich dargestellt, dass die Kettensägen angeblich technisch vollkommen in Ordnung waren. Dies ist wahrheitswidrig und ein Schlag ins Gesicht von erfahrenen, gut ausgebildeten Einsatzkräften unserer Feuerwehr.

 

Im Rahmen der Einsatznachbereitung erhielten wir Kenntnis davon, dass die Sägen vor diesem Einsatz seit mehreren Monaten nicht genutzt wurden. Sturmlagen treten im späten Frühjahr und Sommer eher selten auf. In diesem Jahr gab es glücklicherweise auch keine nennenswerten Gewitterlagen, die in der Regel von intensiven Sturmböen begleitet werden.

 

Der Hersteller unserer Kettensägen weist in seiner Bedienungsanleitung darauf hin, dass sämtliche Kraft- und Betriebsstoffe zu entfernen und die Tanks zu reinigen sind, wenn die Geräte mehr als 30 Tage nicht genutzt wurden. Nach der Neubefüllung ist ein Funktionstest vorzunehmen. Diese Handlungen sind nach unserem Kenntnisstand nicht erfolgt und könnten ursächlich für den Funktionsausfall sein.

 

Der Hersteller schreibt außerdem vor, welche Ersatzteile (Zündkerzen, etc.) zu verwenden sind. Unmittelbar nach dem Einsatz wurde von unseren Einsatzkräften festgestellt, dass vermutlich aus Kostengründen alternative Ersatzteile verwendet wurden. Nach dem besagten Einsatz wurden sämtliche Kleinteile (Zündkerzen, Luftfilter, etc.) gewechselt. Warum war das notwendig? Nach Darstellung der Verwaltung waren die Kettensägen doch zum Zeitpunkt des Einsatzes voll funktionstüchtig.

 

Dem unvoreingenommenen Betrachter drängt sich der Verdacht auf, dass hier ein Exempel statuiert werden soll, um den Stadtwehrleiter und die beteiligten Einsatzkräfte zu diffamieren und in der Öffentlichkeit als inkompetent darzustellen. Die Vorwürfe gegenüber unserem Stadtwehrleiter und den Einsatzkräften sind in höchstem Maße niederträchtig und werden von uns auf das Schärfste zurückgewiesen.

 

Für das Machbare streiten

 

Die finanzielle Situation der Stadt immer im Blick, sind wir als Kameraden auch künftig bereit, bei wichtigen Projekten (z. B. Umbau der Küche) tatkräftig mit anzupacken. Seit einiger Zeit werden uns von der Verwaltung und einigen Stadträten überzogene Forderungen vorgeworfen. Es ist die Aufgabe unserer Wehrleitung gegenüber der Verwaltung zu artikulieren, welche Feuerwehrtechnik benötigt wird, um den örtlichen Brandschutz und die Hilfeleistung auf hohem Niveau sicherzustellen. Im Dialog mit der Verwaltung gilt es dann gemeinsam eine Lösung für das Machbare zu finden.

 

Problem: Ablehnung unserer ehrenamtlichen Hilfe durch die Verwaltung.

 

Jahrelang haben wir die Verwaltung beispielsweise bei der Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners im öffentlichen Raum (z. B. Spielplätze und Radwege) erfolgreich unterstützt. Unter dem Vorwand einer angeblichen Überlastung der Einsatzkräfte hat die Verwaltung derartige Einsätze schon seit Jahren unterbunden. Die Folge war in diesem Jahr eine mehrmonatige Sperrung des einzigen Spielplatzes in der Ortschaft Susigke. Wir hätten dieses Problem schnell lösen können, aber unsere Hilfe war nicht gewollt.

 

Außerdem engagieren wir uns seit Jahren auch bei Einsatzlagen über die Stadtgrenzen hinaus, um die Zusammenarbeit mit anderen Feuerwehren zu stärken. Bei Notlagen im Stadtgebiet von Aken bietet dies die beste Gewähr, dass wir dann auch engagierte Hilfe anderer Wehren erhalten. Überörtliche Einsatzlagen sind für uns ein unverzichtbarer Blick über den Tellerrand. Die gewonnenen Erfahrungen helfen uns bei künftigen Einsatzlagen in unserem Stadtgebiet und sind eine besondere Form der unverzichtbaren Weiterbildung.

 

Problem: Änderung der Geschäftsordnung unter fadenscheinigen Vorwand

 

Es ist für uns extrem befremdlich, dass sich der Bürgermeister und einige Stadträte von der Anwesenheit einiger noch Einsatzkleidung tragende Feuerwehrkameraden so bedroht fühlten, dass sie gleich die Geschäftsordnung des Stadtrates änderten. Folgt man dem Bericht der Mitteldeutschen Zeitung, dann handelt es sich um einen einmaligen Vorgang in Sachsen-Anhalt. Im Landtag und Bundestag ist es gängige Praxis, dass uniformierte Bürger (Soldaten, Feuerwehrleute, Polizisten u.v.m.) an den Sitzungen teilnehmen.

 

Dieselben Personen lassen sich regelmäßig bei Jahreshauptversammlungen und öffentlichen Veranstaltungen mit Feuerwehrleuten fotografieren. Dies soll bei der Bürgerschaft den Eindruck einer engen Verbundenheit zur Feuerwehr suggerieren. Wenn die Betreffenden ehrlich zu ihrer Feuerwehr stehen würden, dann hätte es diese Reaktion im Stadtrat nicht gegeben.

 

In der Vergangenheit haben Feuerwehrleute an Sitzungen des Stadtrates und seiner Fachausschüsse als Zuschauer teilgenommen. Einzelne Mitglieder haben im Rahmen der Einwohnerfragestunde von ihrem Recht Gebrauch gemacht und Fragen an den Bürgermeister oder den Stadtrat gestellt. Bisher sind keine Fälle bekannt, bei denen Feuerwehrkameraden gegen die Geschäftsordnung verstoßen haben.

 

Wer deshalb ernsthaft glaubt, dass er mit derartigen Mitteln unsere Rechte als Bürger beschneiden und unsere eingeschworene Gemeinschaft öffentlich mundtot machen kann, der irrt. So engagiert wie wir uns ehrenamtlich für die Sicherheit der Bürgerschaft einsetzen, so werden wir auch künftig die Kommunalpolitik kritisch begleiten und nicht nur bei Themen des Brandschutzes. Dies ist unser Versprechen.

 

Kernproblem: öffentliche Diffamierung unseres gewählten Wehrleiters

 

Die öffentliche Diskreditierung unseres Kameraden und gewählten Stadtwehrleiters Michael Kiel im Zusammenhang mit dem Feuerwehreinsatz am 26.06.2025, sind für uns unerträglich und nicht hinnehmbar.

 

Der Bürgermeister, als Dienstherr der Feuerwehr, hätte die verdammte Pflicht gehabt, nach besagtem Einsatz das klärende Gespräch mit der Wehrleitung zu suchen. Ziel hätte sein müssen, die aufgetretenen Probleme zeitnah für die Zukunft zu lösen. Dies wurde leider versäumt.

 

Stattdessen wurde unserer gewählten Stadtwehrleiter öffentlich der Lüge und Falschdarstellung bezichtigt. Per Beschluss hat eine Mehrheit des Stadtrates die Funktionsfähigkeit der Kettensägen festgestellt. Der Beschluss bedeutet, dass die eingesetzten Kettensägenführer unfähig waren, ihre Geräte zu bedienen. Dabei gilt es anzumerken, dass einige der eingesetzten Kräfte fast täglich mit Motorkettensägen beruflich zu tun haben. Das ist ein ungeheuerlicher Vorgang gegen unsere fachlich gut ausgebildeten Einsatzkräfte.

 

Seit Jahrzehnten nimmt die Feuerwehr beim jährlichen Stadtfestumzug in einem gesonderten Block teil. Als erkennbares Zeichen für unseren Auftrag “Retten-Löschen-Bergen-Schützen” marschieren wir in Uniform, stolz hinter unserem Fahnenkommando. Uns ist nicht bekannt, dass sich jemals am Straßenrand stehende Zuschauer vom Anblick unserer Marschformation eingeschüchtert oder verängstigt gefühlt haben. Stattdessen zeigen sich die Bürger davon beeindruckt, wie viele ehrenamtliche Feuerwehrleute sich für das Wohl und die Sicherheit ihrer Mitmenschen in unserer Stadt einsetzen.

 

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

 

  • Ziehen Sie unverzüglich das Disziplinarverfahren gegen unseren gewählten Stadtwehrleiter Michael Kiel zurück.

     

  • Kehren Sie endlich zu einem fachlich und sachlich fundierten Dialog mit unserer gewählten Stadtwehrleitung zurück. Die Stadtwehrleitung ist jederzeit zu einem fachlichen Gespräch auf Augenhöhe und unter fairen Rahmenbedingungen bereit.

     

  • Heben Sie unverzüglich Ihren “Maulkorb-Erlass” gegenüber der Wehrleitung auf.

     

  • Beziehen Sie die fachliche Expertise unserer gewählten Stadtwehrleitung bei allen Entscheidungsfindungen zur Weiterentwicklung unserer Feuerwehr sowie zu Themen des Brandschutzes und der Hilfeleistung ein.

 

  • Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

    sehr geehrte Stadträte,

     

    wir sind jederzeit bereit, unsere ganze Kraft auch weit über das normale Maß hinaus für unsere Bürgerschaft zur Verfügung zu stellen. Dabei wollen wir die mit hohen Kosten angeschaffte Feuerwehrtechnik zu jeder Zeit effektiv, sinnvoll und nachhaltig zum Einsatz bringen. Um dies aber tun zu können, muss uns der Träger des Brandschutzes einfach unsere Arbeit, die wir seit über 150 Jahren an 365 Tagen Jahr für Jahr rund um die Uhr ehrenamtlich machen, machen lassen.

     

    Helfen in Not ist unser Gebot! Um auch zukünftige Herausforderungen meistern und für die Sicherheit unserer Bürgerschaft sorgen zu können, benötigen wir jetzt Hilfe.

     

    Seit 150 Jahren und in Zukunft - EHRENAMTLICH, MOTIVIERT, ENGAGIERT!

     

    Die Unterzeichner

 

Bild zur Meldung: Offener Brief an den Bürgermeister und die Stadträte der Stadt Aken (Elbe)


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